Der Eisblock und die Nadel
Flores liegt auf einer kleinen Insel im Petén-Itzá-See. Die Häuser sind bunt gestrichen. Ein schmaler Damm verbindet die Stadt mit dem Festland, rote Tuktuks knattern hin und her. Das Wasser glitzert grün und still.
Marlene läuft neben mir, schweigsamer als gewöhnlich. Ihre kleine Hand in meiner fühlt sich feucht an. Heute soll sie endlich Ohrlöcher bekommen.
Lange schon wartet sie darauf - zur Einschulung hatten wir es ihr versprochen. Doch immer wieder kam etwas dazwischen. Einmal war es fast so weit, in Mexiko. Als wir nachfragten, schickte man uns ins Krankenhaus. Das erschien uns etwas viel für zwei kleine Löcher.
Außerdem waren wir ständig am Meer. Salzwasser, Sand und Hitze sind kein guter Ort für frische Wunden. Also schoben wir es immer wieder auf.
Doch heute soll es endlich passieren.
Stellt sich nur die Frage: wo?
Juweliere, wie man sie aus europäischen Innenstädten kennt, haben wir auf unserer Reise durch Zentralamerika bislang kaum gesehen. Und wegen zweier Ohrlöcher ins Krankenhaus zu gehen, fühlt sich immer noch falsch an.
Also fragen wir. Menschen auf der Straße. Eine Frau, die in einem kleinen Restaurant Tortillas formt. Sie überlegt kurz und deutet dann eine Straße hinunter.
“Ihr müsst ein Tattoo-Studio suchen”, sagt sie uns. „Ein Tattoo-Studio? Ernsthaft?“, denke ich. Ein Mann an einem Verkaufsstand bestätigt das wenig später.
Nach einigem Suchen finden wir eines in einer Seitenstraße. Vor der Tür sitzt ein junger Mann auf den Stufen. Seine Tätowierungen ziehen sich über den ganzen Körper und enden an den Handgelenken. Schwarze Lederjacke trotz der Hitze. Er fragt, ob er helfen kann. Seine Augen sind freundlich.
Ja, sagt er, Ohrlöcher steche er auch. Aber erst später. Er tätowiere gerade noch jemanden. Zwei Stunden müssten wir warten.
Wir vertreiben uns die Zeit mit Eisessen. Fotografieren die bunten Häuser. Vor der Kathedrale setzen wir uns auf eine Stufe und zeichnen ein paar schnelle Skizzen. Zwei Krähen streiten laut auf einem Dach.
Um 14 Uhr sind wir zurück. Der Tätowierer ist noch nicht da. Sein letzter Kunde schon. Stolz zeigt er uns sein frisches Tattoo. Ein großer Jesuskopf mit Dornenkrone auf der Wade.
Wenig später knattert ein Moped um die Ecke. Die schwarze Lederjacke erkennen wir sofort. In der rechten Hand hält der Tätowierer eine Plastiktüte. Darin: ein handgroßer Eisblock. Marlene schaut mit großen Augen zu mir auf, ich nicke ihr zuversichtlich zu. Meine Magengrube fühlt sich flau an.
Im Studio beginnt der junge Mann mit der Arbeit, misst Marlens Ohrläppchen mit einer Schieblehre aus. Er markiert die Punkte mit einem Stift. Neue Handschuhe. Desinfektion. Eine sterile Nadel.
Dann greift er zum Eisblock, drückt das kalte Stück gegen ihr Ohr. Marlene zuckt zusammen und hält meine Hand fest.
Er setzt die Nadel an.
Ein schneller Stich.
Das erste Loch ist da.
Beim zweiten wird sie still, die Augen feucht. Der Griff um meine Hand ist nun fest, sehr fest. Mein Herz zieht sich zusammen, doch es gibt kein Zurück.
Dann kommt der zweite Stich.
Ein paar Tränen später sitzen zwei kleine silberne Ohrringe in ihren Ohren.
Draußen scheint die Sonne über dem See.
Marlene geht neben mir her. Sehr aufrecht.
Sie ist stolz.
Und nach ein paar Minuten tut es schon gar nicht mehr weh.